Pressespiegel

Nach der Flughafen-Schließung: Das ist die Zukunft von TXL

Philipp Bouteiller steht vor großem Rendering des finalen Projekt TXLs © Reto Klat

19.10.2020 | Berliner Morgenpost | Berlin

Seit mehr als zehn Jahren wird die Nachnutzung des Flughafenareals und seiner Gebäude geplant. Was dort entstehen soll.

Wohl kaum ein Mensch sehnt den Start des BER und das damit verbundene Ende für den Flughafen Tegel so herbei wie Philipp Bouteiller. Seit neun Jahren plant der Ökonom als Chef der Tegel Projekt GmbH im Auftrag des Senats die Zukunft des fast 500 Hektar großen Geländes und der zahlreichen Bestandsgebäude. Und er musste immer wieder warten, weil sich die Eröffnung des neuen Flughafens am südöstlichen Stadtrand Jahr um Jahr weiter verzögerte. „Zwischendurch war ich schon genervt“, gesteht der 52-Jährige, obwohl er nie den Glauben an das Projekt verloren habe. Aber: „Ein bis zwei Jahre schneller hätte es schon sein dürfen.“

Allerdings hätten die geschenkten Planungsjahre auch Vorteile gebracht. Die Schrittfolge für die Entwicklung des Areals und der Bestandsgebäude ist inzwischen sehr detailliert ausgearbeitet, ganz anders als es 2008 nach der Schließung des Flughafens Tempelhof der Fall war. Zudem habe es in den letzten Jahren „große Erkenntnisfortschritte“ gegeben, die nun in die Planungen einfließen könnten. Es ärgert den früheren McKinsey-Berater, dass bis heute die Gegner einer Tegel-Schließung behaupten, es gebe keine Pläne und das Areal werde erstmal eine große Brache sein. Dabei sind die Überlegungen sehr konkret, Bebauungspläne sind schon in Arbeit, viele Details vorbereitet.

Haushalt der Tegel Projekt GmbH mit mehr als 50 Millionen Euro gefüllt

Die Frage, ob denn das viele Geld für die rund 40 Mitarbeiter und die Büros an der Lietzenburger Straße gut angelegt sind, wird sich erst beantworten lassen, wenn erste Ergebnisse sichtbar sind. Berlin lässt sich die Zukunftspläne für die größte innerstädtische Potenzialfläche jedenfalls einiges kosten. Der Haushalt der Tegel Projekt GmbH wird aus dem Landesetat mit mehr als 50 Millionen Euro gefüllt.

Denn auf alten Flughäfen neue Wirtschaftszentren oder gleich ganze Stadtteile anzusiedeln, ist auch im deutschen Sprachraum üblich. In München entstand auf dem ehemaligen Flughafen in Riehm das neue Messegelände der bayerischen Landeshauptstadt. Wien baut auf dem Flughafengelände in Aspern die Seestadt. Die Fläche am Rand der österreichischen Metropole ist aber nur halb so groß wie Tegel. Das Wiener Projekt gilt allgemein als vorbildlich, was Verkehrsanbindung, gemischte Nutzung und Nachhaltigkeit angeht.

Auch in Berlin soll eine Modellstadt entstehen. Und über bloße Ideenskizzen sind die Planer nach all den Jahren längst hinaus. So soll das Kurt-Schumacher-Quartier an der Ostseite des Geländes mit 5000 Wohnungen für 10.000 Bewohner nun ab 2022/23 weitgehend aus Holz entstehen. „Wir können nun ein sehr viel nachhaltigeres Projekt umsetzen und das ohne signifikante Mehrkosten“, so der Absolvent der London School of Economics, der ein 40-köpfiges Team führt. 

In einer „Bauhütte 4.0“ gemeinsam mit der Technischen Universität und dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik will man die Holzbautechnik weiter verfeinern. Schon im zweiten Bauabschnitt des neuen Quartiers wolle man mit den Holzbauten günstiger sein als der konventionelle Wohnungsbau, so Bouteiller. Dazu wird am Ort experimentiert, Bauteile werden direkt dort produziert, die Logistik verfeinert, die Bezugsquellen für das Baumaterial aus dem Umland erschlossen.

Neues Wohnquartier soll Anforderungen an „Smart City“ genügen

Auch das Konzept der „Sumpf-Stadt“ hätte es nicht gegeben, wenn sich der BER nicht dermaßen verzögert hätte. So, wie es heutzutage State-of-the-Art ist in neuen Stadtteilen, soll das Regenwasser auf dem Gelände gesammelt und auch dort versickert werden. Dazu sind Überschwemmungsflächen, Leitungen und Kanäle zu planen. Kein anderes großes Neubauvorhaben setze dieses Prinzip so konsequent um wie Tegel.

Weil das neue Wohnquartier und natürlich auch das geplante Wissenschafts-, Gewerbe- und Industrieareal mit einmal 20.000 oder 30.000 Arbeits- und Studienplätzen den Anforderungen an eine „Smart City“ genügen soll, denken sie bei der Tegel-Projekt auch über den Umgang mit den Daten nach. Mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und mehreren Städten im In- und Ausland haben die Berliner einen Verbund gebildet. Ziel sei es, die Oberhoheit der öffentlichen Hand über die wertvollen Daten zu sichern.

Sensoren an den Straßen geplant

„Wir werden hier viel mehr Sensoren an den Straßen haben, als es an anderen Standorten üblich ist“, sagt Bouteiller. Es gelte sicherzustellen, dass diese Daten zum Beispiel über den Verkehr zwar zugänglich sind, um daraus etwa App-Anwendungen zu erstellen. Andererseits müsse aber die Anonymität gesichert werden. Wie das geht, könne man in dem neuen Stadtteil dann stellvertretend für andere ausprobieren. Auch das Energiekonzept, das gemeinsam von den kommunalen Berliner Stadtwerken und Eon umgesetzt wird, soll mit einem niedrigen Verbrauch Maßstäbe setzen und bis 2050 den gesamten Stadteil CO2-frei versorgen. „Das ist unser Beitrag zur Klimaneutralität“, so der Tegel-Projekt-Chef. Man trete hier auch „Trampelpfade“ aus, auf denen andere dann folgen können.

Darum soll es gehen in der „Urban Tech Republic“ von Tegel. „Urbane Technologien“ will man hier entwickeln, erproben und produzieren lassen. Dazu gehören klimaneutrale Energiesysteme, umweltschonende Mobilität, sauberes Wasser und die Entwicklung neuer Materialien, zum Beispiel für den Bau. Nicht jede x-beliebige Firma soll hier Platz finden, die Vergabe wird „kuratiert“. Wer nicht ins Profil passt, hat schlechte Karten. Nach ähnlichem Prinzip wurde in Adlershof der erfolgreiche Technologiepark entwickelt.

Am 3. Mai soll die Projektgesellschaft das Gelände übernehmen

Ehe die Visionen aber Realität werden können, muss Tegel erstmal schließen. Bouteiller nennt den „3. Mai 2021, 24 Uhr“ als Termin, an dem seine Projektgesellschaft das Gelände von der Flughafengesellschaft übernehmen wird. Dann ist die Frist von sechs Monaten ab der Eröffnung der Südbahn am BER abgelaufen, bis zu der Tegel als Flughafen betriebsbereit zu halten ist. Ab dem ersten Tag soll es für Besucher vor Ort Informationen über das Zukunftsprojekt geben. Man verhandelt noch, wo genau das Info-Zentrum hinkommt.

Auch die Bauvorbereitung und die systematische Suche nach Altlasten sollen noch im Mai beginnen. Im Sommer wollen die Planer dann das Gelände öffnen und an einem Tag der offenen Tür den Berlinern erstmals die Gelegenheit geben, über das Rollfeld zu laufen oder auf den Landebahnen zu flanieren. Dazu soll es Kultur geben, ein Klangkunstfestival womöglich oder Kunstausstellungen.

In vier Bauabschnitten muss die Tegel-Projekt Grundstücke erschließen

Start-ups könnten in Häuser am Rande des Areals einziehen, im früheren Catering-Gebäude soll ein Club eröffnen. Auch die Feuerwehr, die auf dem Gelände ihre Ausbildungsakademie ansiedeln will, könnte die Feuerwache übernehmen. „Wir wollen von Anfang an Gewusel herstellen“, sagt der Chef, um dann aber gleich wieder die Erwartungen zu bremsen. Über fünf Jahre werde Tegel vor allem eine „gigantische Baustelle“ sein.

In vier Bauabschnitten muss die Tegel-Projekt Grundstücke erschließen mit Straßen, Leitungen, Kabeln für die Kommunikationstechnik. Los geht es westlich des Terminal-Sechsecks. Jeder der vier Bauabschnitte ist so konzipiert, dass sich die gesamte geplante Kette vom Gründungszentrum bis zur Industrie sich dort abbilden lässt. Ab Mitte der 2020-er Jahre sollen die ersten Gebäude stehen und die ersten Firmen dort arbeiten. Insgesamt rechnet Bouteiller mit einer Entwicklungszeit von 30 Jahren und öffentlichen wie privaten Investitionen von rund acht Milliarden Euro.

Ausbau des Terminals für die Beuth-Hochschule startet 2023

Die als wissenschaftlicher Anker vorgesehene Beuth-Hochschule muss jedoch noch etwas länger warten, bis sie ihre aus allen Nähten platzenden Räume in Wedding mit dem umgebauten Terminal und einem weiteren Gebäude erweitern kann. Der Umbau des ikonischen Sechsecks, des alten Terminals A, zu einem Hochschulort mit Seminarräumen, Büros und Laboren soll nun doch erst 2023 beginnen, parallel mit dem Neubau eines weiteren Beuth-Gebäudes. Bauherr ist hier die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Auch die Zwischennutzung für das Terminal D, das westlich vom Sechseck liegt, durch Start-ups ist inzwischen vom Tisch. „Wir sind mit den Planungen inzwischen weiter“, begründet das Philipp Bouteiller, „das Temporäre ist dem Permanenten gewichen.“ Eine Frage der Zeit ist auch, wie lange die letzte Luftfahrt-Nutzung auf dem Gelände noch anhalten wird. Bisher plant die Bundesregierung, ihren Helikopter-Landeplatz im Norden auch nach der Eröffnung ihres Regierungsterminals am BER bis in die frühen 2030-er Jahre hinein in Betrieb zu lassen. Die Planer stört das jedoch nicht, die Entwicklung der nördlich angrenzenden Kieze steht erst für später auf der Tagesordnung.

Einige Fragezeichen stehen noch hinter der Verkehrsanbindung des neuen Stadtteils. Sicher ist immerhin, dass die BVG ihren Bus 109 über die gesamte Bauzeit hinweg weiter nach Tegel fahren lässt. Dass sich die Planer mittelfristig einen U-Bahn-Anschluss wünschen, ist kein Geheimnis. Das aber sei, so Bouteiller, eine „politische Entscheidung“. Bisher hat sich die rot-rot-grüne Koalition aber nicht zu einer solchen großen Lösung durchringen können. Stattdessen soll die Straßenbahn das neue Wohnquartier und die Urban Tech Republic von Osten her anbinden. Ein Betriebshof ist am westlichen Rand des ehemaligen Rollfeldes an der nach Spandau weisenden Seite vorgesehen.

Tegel, Siemens Campus und Gartenfeld bilden neuen Raum

Die Planer träumen aber noch von einer modernen anderen Lösung. Denn das neue Tegel-Gelände keineswegs das einzige Großprojekt, das in diese Gegend die Stadt verändern wird. Wenige Kilometer entfernt baut Siemens an der Nonnendammallee seinen Campus 2.0. Und am westlichen Rand des Tegel-Geländes jenseits des Hohenzollernkanals entsteht auf der Insel Gartenfeld mit mehr als 4000 neuen Wohnungen und Gewerbeflächen ein komplett neues Quartier. Am liebsten würden die Planer der drei Standorte ihre Areale mit einer Schwebebahn verbinden, was angesichts der zu querenden Wasserläufe nachvollziehbar klingt. Insgesamt werde der gesamte Wirtschaftsraum zwischen Spandaus Westen und Tegel zusammenwachsen, ist Bouteiller überzeugt. Bis zu 13 Milliarden Euro aus öffentlichen und privaten Kassen würden in den kommenden Jahren in den drei Projekten im „Wirtschaftsraum Berlin-Nordwest“ investiert. Da würde es Sinn machen, die drei Standorte zu verbinden.

Nach zehn Jahren Einsatz für die Zukunft von Tegel hofft Philipp Bouteiller darauf, dass noch möglichst viele seiner Ideen und Pläne in seiner Amtszeit Realität werden. Sein Vertrag wurde gerade für drei Jahre verlängert. Aber er weiß: Bis die Entwicklung der fünf Quadratkilometer neuer Stadt abgeschlossen sein wird, ist er längst in Rente.

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Erschienen in der Berliner Morgenpost am 05. September 2020; Autor: Joachim Fahrun

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