Interview

Der Traum vom Fliegen ist erfüllt. Zeit für neue Träume.

© Christian Kielmann

04.12.2019 | Onlineredaktion Berlin TXL

Sobald der Flughafen Tegel geschlossen wird, entsteht hier ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien. Hier treffen zukünftig Studierende und Gründer auf Industrie und Wissenschaft, um zusammen neue Ideen und Projekte zu entwickeln. Im Interview erläutert Prof. Dr. Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, welche Chancen und Möglichkeiten damit für Berlin entstehen.

Herr Bouteiller, der Flughafen Berlin-Tegel soll im Herbst 2020 geschlossen werden, sobald der BER ans Netz geht. Was passiert dann dort?

Unser gut vorbereitetes Nachnutzungskonzept für Berlin TXL hat drei Bestandteile. Zum einen entwickeln wir hier einen Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien: die „Urban Tech Republic“. Zweitens wird im östlichen Teil des Geländes das Schumacher Quartier entstehen. Das wird ein völlig neuer Kiez auf einer Fläche von etwa 50 Hektar mit mehr als 5.000 Wohnungen für über 10.000 Menschen, ein Modellquartier in Sachen Nachhaltigkeit und Nachbarschaft. Gemeinsam mit unseren städtischen Wohnungsbaugesellschaften und weiteren Partnern arbeiten wir dort an Lösungen für die Gebäude, den Verkehr und das Zusammenleben der Menschen im Kiez. Hier wollen wir bezahlbaren und auf neue gesellschaftliche Lebensverhältnisse zugeschnittenen Wohnraum schaffen. Und drittens wird auf dem nördlichen Teil des Geländes ein offener Landschaftsraum mit mehr als 200 Hektar Fläche entstehen. Insgesamt, das ist unser Ziel, wollen wir ein klimapositives Stück Stadt schaffen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Neben einer ganzen Reihe von Maßnahmen zur Energieeffizienz und dem Einsatz regenerativer Energien spielt hier das Prinzip eines abflusslosen Wohnquartiers – wir sprechen vom Schwammstadt-Prinzip – eine große Rolle. 
Anfallendes Regenwasser soll möglichst lange im Gebiet gehalten werden und nur langsam verdunsten, um einen möglichst hohen Beitrag zur Kühlung des Stadtquartiers zu leisten. Das Wassermanagement im Schumacher Quartier ist damit sowohl für Starkregen als auch für Hitzeperioden ausgelegt. Beides sind Phänomene, die mit dem Klimawandel häufiger werden dürften.

Als das wirtschaftliche Herzstück Ihrer Pläne sehen Sie die künftige „Urban Tech Republic“ an, den Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien. Was verstehen Sie unter urbanen Technologien?

Zu den urbanen Technologien gehören alle technischen Systeme, Produkte und Dienstleistungen, ohne die unsere Städte nicht funktionieren würden. Denken Sie nur an unsere Pläne für das Schumacher Quartier: Genau wie in jedem anderen Teil der Stadt brauchen wir auch dort eine zuverlässige Energie- und Wasserversorgung. Wir müssen uns um die Wärme- und Kältekreisläufe kümmern. Müll muss entsorgt und zu möglichst großen Teilen recycelt werden. Das Abwasser muss abfließen, um dann wieder aufbereitet zu werden. Baustoffe zählen ebenfalls zu den urbanen Technologien. Und von ganz entscheidender Bedeutung für jede moderne Stadt sind integrierte Mobilitätssysteme sowie eine moderne Informations- und Kommunikationsinfrastruktur.

Insgesamt, das ist unser Ziel, wollen wir ein klimapositives Stück Stadt schaffen.

Nun müssten wir doch nach Jahrhunderten Stadtentwicklung mittlerweile ganz gut ausgestattet sein, was diese urbanen Technologien angeht.

Die allgemeine Lebensqualität in unseren europäischen Städten war nie so hoch wie heute. Allerdings gilt das noch lange nicht für alle Städte auf der Welt in gleichem Maße. Mit der Urban Tech Republic wollen wir einen Beitrag zur Verbesserung des städtischen Lebens auch in ärmeren Teilen der Welt leisten. Durch die fortschreitende Digitalisierung bieten sich ungeahnte Möglichkeiten in allen Bereichen der urbanen Technologien. In der Urban Tech Republic wollen wir auf einer Fläche von über 200 Hektar dieses Potenzial erforschen, durch konkrete Anwendungen nutzbar machen und schließlich Lösungen und Produkte im industriellen Maßstab entwickeln. Die Herausforderungen unserer Zeit, insbesondere Klimawandel, Urbanisierung und demografischer Wandel, stellen uns vor völlig neue Probleme. Diese können wir nur mit Hilfe von technologischen und gesellschaftlichen Innovationen bewältigen. Auch deshalb braucht Berlin die Urban Tech Republic. Das eröffnet uns ganz nebenbei einen großen Markt und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur smarten Reindustrialisierung der Stadt.

Gibt es Vorbilder für das Projekt?

Es gibt weltweit bisher keinen einzigen Technologiepark mit einem vergleichbaren Profil. Berlin hat damit die Chance, eine absolute Vorreiterrolle einzunehmen. Die wachsende Bedeutung der urbanen Technologien wurde bei den Vorplanungen zu Berlin TXL bereits erkannt, als die meisten Menschen von Smart Cities noch nie etwas gehört hatten. Deshalb sind wir heute anderen Städten in der Planung voraus. So verspricht die Urban Tech Republic als weltweit einzigartiger Forschungs- und Industriepark mit diesem besonderen Profil zu einem starken Wachstumsmotor für die Berliner Wirtschaft zu werden. Wir rechnen damit, dass auf dem Gelände an die 20.000 Arbeitsplätze entstehen werden.

Schauen wir uns zum Vergleich das Silicon Valley an: Viele der Gründungen dort haben weitere Start-ups und jede Menge Wagniskapitalgeber angezogen. All diese Akteure aus Wissenschaft und Wirtschaft stehen bis heute in einem symbiotischen, für alle Seiten vorteilhaften Verhältnis zueinander. Ein vergleichbares Ökosystem mit viel Kreativpotenzial aufzubauen, das ist auch unser Ziel, auch wenn das eines langen Atems bedarf: eine derartige Entwicklung dauert gerne zwanzig bis dreißig Jahre. Deshalb müssen wir jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen.

Sie wollen also mit der Urban Tech Republic eine Art Berliner Silicon Valley schaffen?

Wir planen die Berliner Antwort auf das Silicon Valley. Obwohl die Urban Tech Republic in mancher Hinsicht ähnlich funktionieren soll wie das Silicon Valley, verfolgt unser Modell einen anderen Ansatz: Es ist eingebettet in die Tradition der sozialen Marktwirtschaft. Das ist an den Planungen ablesbar. Wir wollen hier eine Mischung von Urbanität und Dichte, von Durchlässigkeit und Offenheit erzeugen und vor allem soziale Vielfalt ermöglichen. Bei allem jedoch gilt: Man kann nicht alles planen. Die Städte, die wir heute lieben, sind allesamt organisch gewachsene Gebilde, denen aber kluge Ordnungsprinzipien zurunde liegen. 

© Christian Kielmann

Wen wollen Sie mit der „Republic“ in Ihrem Namen erreichen?

Es geht um uns Menschen, denn Technologie kann uns zwar Arbeit abnehmen, uns schützen und uns dabei helfen, das Leben angenehmer zu gestalten. Doch sie ist immer nur Mittel zum Zweck. In diesem Sinne verstehen wir z. B. auch die „Smart City“: Eine smarte Stadt nutzt die Möglichkeiten digitaler Technologien, um die Lebensqualität, die Zufriedenheit und die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig zu steigern und dabei gleichzeitig den Ressourcenverbrauch zu senken – was übrigens auch zu geringeren Verbrauchskosten führt. Wenn wir die Welt retten wollen, dann müssen wir in den Städten beginnen, und es muss Spaß machen, sonst klappt es nicht. 

Was sind die ersten Schritte, um eine Stadt oder ein Quartier smart zu machen?

Auf der rein technischen Ebene sind das zunächst ganz simple Dinge, wie ein flächendeckendes schnelles WLAN, eine kluge Verkehrssteuerung, Bevorzugung des Fuß- und Radverkehrs bei gleichzeitiger Stärkung des ÖPNV, mehr unterstützende Sensorik im öffentlichen Raum. Es gibt in der öffentlichen Infrastruktur übrigens schon jetzt einen allgegenwärtigen Gegenstand, der – wenn man ihn nur neu denkt – hervorragend für all das geeignet ist, nämlich die gute alte Straßenlaterne. Wenn man diese aufwertet zu einer Ladestation mit WLAN und diverser Sensorik, z. B. für die Verkehrslenkung und Parkraumsteuerung, die Wetter- und Luftdaten sammelt, die dabei gut aussieht und am Ende auch noch Licht gibt, dann befinden wir uns schon mittendrin in der smarten Infrastruktur von morgen.

Ein weiterer innovativer Baustein für das Schumacher Quartier ist das in dieser Größenordnung weltweit einzigartige LowEx-Niedrigtemperaturnetz. Dieses haben wir bereits im Detail geplant. Das Low-Exergie-Netz kann je nach Bedarf durch eine Anpassung der Netztemperaturen Wärme oder Kälte bereitstellen. Durch die niedrigen Temperaturen des Netzes werden nachhaltige Energiequellen wie Solarthermie, Geothermie und Abwasserwärme nutzbar, die man in konventionelle Wärmenetze wegen ihres geringen Temperaturniveaus nicht einspeisen kann. Der Einsatz von erneuerbaren Energien im LowEx-Netz kann durch die Verbraucher selbst ergänzt werden: indem sie dem Netz Energie zuführen, beispielsweise durch die Einspeisung von Abwärme, die in Industrie und Gewerbe anfällt. So können wir das Schumacher Quartier mit der Prozesswärme versorgen, die in der Urban Tech Republic anfällt. 

Das klingt jetzt alles hochtechnisch – ist das überhaupt an Nicht-Fachleute vermittelbar?

Bei aller technischen Innovation stellen wir die Menschen ins Zentrum unseres planerischen Denkens und Handelns. Und das ist auch an der „Benutzeroberfläche“ spürbar. So haben wir ein Mobilitätskonzept mit einem geringen Anteil an motorisiertem Individualverkehr entwickelt – das Wohnareal wird ein autoarmes Quartier. Hier gehen wir ganz neue Wege, mit der Anbindung des Quartiers an Schnellradwege und der Integration von sechs „Mobility Hubs“, den Quartiersgaragen, mit Kiosk und Bike Shop, Fahrradstellplätzen sowie Ladestationen für Elektro-Micro-Mobilität.

Die öffentlichen Räume und Grünflächen sollen vielfältig genutzt und von den Anwohnern mitgestaltet werden. Zu einem gemischten und lebendigen Lebensraum gehören auch belebte Erdgeschosszonen. Dafür haben wir ein innovatives Konzept mit vielfältigen, zweigeschossig angelegten Erdgeschosstypologien für unterschiedliche Nutzungen entwickelt, das hier Einzelhandel, Kita, Seniorentreffpunkt und Café bis hin zum Wohnen ermöglicht, sei es als zweigeschossige Wohnung oder Atelier. Die Menschen müssen sich in den neuen Quartieren wohlfühlen und auf ihre Weise mitwirken. Sonst ist das am Ende nur in Schönheit erstarrte Stadt ohne Leben.

Prof. Dr. Philipp Bouteiller verantwortet seit 2012 als Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH das europaweit größte Entwicklungsprojekt für urbane Technologien und Smart Cities. Seit 2019 lehrt er außerdem im Rahmen einer Professur für Digital Business und Smart Cities an der Exponential University Potsdam. Philipp Bouteiller ist diplomierter Kommunikationswirt und hat an der London School of Economics and Political Sciences in London zunächst einen Master of Science erlangt und anschließend im Bereich Internationales Management und Sozialpsychologie promoviert. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
 

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