Pressespiegel

Nur nicht mehr fliegen ist noch schöner

© rha reicher haase associierte

02.04.2020 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Feuilleton

Wenn der Berliner Flughafen Tegel eines Tages schließt, soll dort eine Stadt in der Stadt entstehen 

Als Philipp Bouteiller vor einigen Jahren seine Pläne für die zukünftige Nutzung des Flughafengeländes in Berlin-Tegel konkretisierte, als er von autonomem Verkehr sprach, von einer Stadt aus Holz, dem Mobilitätsvorteil von Seilbahnen und ausgeklügelten Energiekonzepten, erklärten ihn nicht wenige für verrückt. Als wäre Bouteiller einer, der sich in einem Hightech-Elfenbeinturm verschanzt und von dort aus an den Menschen und ihren Bedürfnissen konsequent vorbeiplane. Ein Planer, mit dem die Phantasie durchgegangen ist. Wollte er ein als Smart City getarntes Raumschiff in Berlin landen lassen? Heute lächelt Bouteiller über dieses „gewaltige Donnerwetter“ von einst. Vieles damals Geplante ist längst Mainstream. Bouteiller sagt: „Ich liebe Technik, aber die Frage für mich ist immer: Wozu setzen wir Technik ein, was ist der Mehrwert für den Menschen?“
 
Die Spielfläche des Chefs der Tegel Projekt GmbH ist, daran ändert auch die Corona-Pandemie erst einmal nichts, gigantische 460 Hektar groß, eine Stadt in der Stadt und eine Chance für Berlin, etwas hochzuziehen, was sich nicht wie der Flughafen Berlin Brandenburg International (BER) als Katastrophe in Endlosschleife entpuppt. Obwohl Bouteiller mit dem BER-Versagen nichts am Hut hat, war auch er in den vergangenen acht Jahren eine beliebte Zielscheibe für Witze. Nicht ganz unverständlich: Gewinnt ein im Unsicherheitsmodus operierendes Team jedes Jahr ein neues Planungsjahr hinzu, weil ein anderes Team planungsunfähig ist, kann man sich durchaus fragen, was in der vielen gewonnenen Zeit eigentlich passiert. Leerlauf? Größenwahn? Langeweile? Bouteiller sagt: „Wir konnten durch den Zeitgewinn vieles noch mal überdenken und nachbessern, das war eine riesige Chance für uns.“ Ein bisschen also wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem der in einer Zeitschleife gefangene Phil Connors ein und denselben Tag wieder und wieder erlebt und in dem, was er tut (etwa: Eisskulpturen fräsen) kontinuierlich besser wird. 

Auf die Probe wurden Bouteillers Nerven zwischenzeitlich dennoch gestellt. 2017 zum Beispiel sammelte die von der FDP unterstützte Initiative „Berlin braucht Tegel“ Unterschriften für den Weiterbetrieb des Flughafens im Norden der Stadt. „Plötzlich waren wir ein toxisches Projekt. Das war hart.“ Doch die Berliner lieben nun mal ihren zentral gelegenen und aus zwei inzwischen denkmalgeschützten Sechsecken zusammengesetzten Flughafen Tegel, der so übersichtlich und praktisch ist, dass man ihn sich sofort nach Frankfurt wünscht. Der dortige Flughafen ist zwar ein internationales Drehkreuz, verlangt dem Reisenden allerdings an Tageswanderungen erinnernde Fußmärsche ab. Nimmt man am Kurfürstendamm den TXL-Bus, dauert die Fahrt kaum länger als mit dem Taxi. Zwölf Minuten vom Gate zur Haustür beträgt Bouteillers persönlicher Tegel-Rekord. Eigentlich war geplant, Tegel am 8. November zu schließen, doch seit die Flughäfen weltweit zu Geisterorten geworden sind, schließt Tegel seine Pforten womöglich schon viel früher. Ende April setzen sich die Verantwortlichen erneut zusammen, um eine wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu finden. 

Dort, wo jetzt – wenn auch nur sehr, sehr wenige – Flugzeuge starten und landen, soll in Zukunft geforscht, gelernt, gearbeitet und gewohnt werden, wobei wohnen für Bouteiller mehr heißt, als nur unter einem einigermaßen komfortablen Dach zu schlafen – nämlich leben. Neben all den zukünftig in der sogenannten Urban Tech Republic angesiedelten technologieaffinen Start-ups, Forschungslaboren, Bildungseinrichtungen und Industrieparks ist das Wohnen ein entscheidender Punkt. Berlins kollabierender Wohnungsmarkt vertreibt die Menschen an die Ränder der Stadt, und man muss schon jede Menge Geld verdienen, um sich im Immobilien- und Verdrängungskampf zu behaupten. Sieben Jahre hat Bouteiller in London gelebt, in Notting Hill, unter Künstlern zuerst und am Ende umzingelt von Investmentbankern. Dieses Schicksal werde dem etwa fünfzig Hektar großen Schumacher-Quartier mit mehr als 5000 Wohnungen nicht widerfahren, sagt Bouteiller. Vierzig Prozent sozial geförderter Wohnraum soll hier entstehen. Ein Wert, der sich bewährt habe, bei mehr als fünfzig Prozent kippe die Sache, man wolle ja keinen sozialen Brennpunkt schaffen. 

Alles, was Bouteiller, der gewissermaßen zum Schwärmen verpflichtet ist, erzählt, klingt nach einem lebenswerten Ort: viele Fahrrad- und Fußgängerwege, viele Grünflächen und Parks, keine Autos im Innersten, wie in einem Schweizer Skidorf. Geparkt wird in Mobility-Hubs. Ein Stück Neu-Berlin, das sich Bouteiller als inspirierenden Begegnungsort vorstellt, wo das für ihn entscheidende Berliner Lebensgefühl – Freiheit und Toleranz – gedeihen kann. „Zu dieser das Berliner Lebensgefühl ausmachenden Freiheit gehört auch Anonymität, dass also nicht jeder Schritt beobachtet wird. Das ist für mich eines der Grundprinzipien einer guten Stadt: dass man sich frei entfalten kann.“ Die Möglichkeit, seine schrägen Seiten auszuleben, gehöre dazu. Wenn jemand seinen Partner gern als Hund durch die Gasse führe, dann soll er das eben tun – in Berlin beachte das niemand groß. 

Negativbeispiel in Sachen Anonymität ist das derzeit stark in der Kritik stehende „Sidewalk Toronto“, ein gemeinschaftliches Projekt von Waterfront Toronto und dem Unternehmen Sidewalk Labs, einer Unterfirma der Google-Muttergesellschaft Alphabet, bei dem ein 50 000 Quadratmeter großes Gebiet direkt am Lake Ontario neu gestaltet wird. Smart City heißt bei den Betreibern allerdings, ein Quartier mittels digitaler Infrastruktur (Kamera, Sensoren und anderes) in einen komplett überwachten Ort zu verwandeln, dessen Bewohner keinen Schritt unbemerkt tun können. Das wird in Berlin schon allein aufgrund der Gesetzeslage anders sein, wobei selbstverständlich Daten erhoben werden, etwa, um den Verkehrsfluss zu optimieren. Löste die Smart City mit ihren zukunftsorientierten Technologien – etwa Laternen mit intelligenter Sensortechnik, die ungewöhnliche Bewegungsabläufe registrieren – jedoch nur den Anschein der Überwachung aus, würde sich das verheerend auf das Lebensgefühl auswirken. 

Und die Natur? Kann man ein neues Quartier bauen, das hinterher eine höhere Biodiversität hat als vorher? „Ja, es funktioniert“, sagt Bouteiller. Kleine Kniffe führten zur erstaunlichen Habitaten. Lässt man etwa beim Bau der Häuser größere Übergänge zwischen Fassade und Dach, können Fledermäuse durch diese Lücken schlüpfen. Nistkästen für Vögel, begrünte Dächer und Pflanzen, die bestimmte Insekten anziehen, bereichern die ökologische Vielfalt. Man nennt das „Animal-Aided Design“. Auf diese Weise schafft man ein Stück Natur in einer Gegend, deren Biodiversität auch dank des angrenzenden Waldes und zweier Seen bereits reich ist. Bodenbrüter wie die akut bedrohte Feldlerche mögen das Tegeler Flughafengelände deshalb so gern, weil sie hier ihre Ruhe haben. Weder Mensch noch Hund bedrohen sie. Auch Dachse und Füchse fühlen sich innerhalb dieses Sicherheitsraums wohl – trotz Kerosin und Fluglärm. Damit das in Zukunft so bleibt, sollen große Flächen des Gebiets unter Naturschutz gestellt werden. Die „Fridays for Future“-Bewegung spielt Bouteillers Umweltschutz- und Nachhaltigkeitskonzept in die Hände, weshalb er und sein Team im Moment ziemlich gut dastehen. Dass Bouteiller der ressourcenschonende, umweltfreundliche Aspekt des Zukunftsquartiers am Herzen liegt, ist allerdings nicht dem Zeitgeist geschuldet. Sein Onkel saß als einer der ersten Grünen-Abgeordneten im Baden-Württemberger Landtag, der Vater engagierte sich als Bürgermeister von Lübeck für Umweltthemen. 

Bei ihm, sagt Bouteiller, habe er beobachtet, was es heißt, zugleich dienend und gestaltend wirken zu können. Umweltthemen seien jedenfalls eine Familienkonstante. Am Ende aber, das weiß auch Bouteiller, sind es trotz aller planerischen Weitsicht die Menschen, die die Stadt zu ihrer Sache und einem lebendigen Ort machen, an dem auch das andere, das Schräge einen natürlichen Platz hat. So wie es eben in Berlin trotz Gentrifizierung der Fall ist – zumindest noch.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 02. April 2020; Autorin: Melanie Mühl

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